Chronik der Bürgerkapelle

Aus der 1910 von Oberlehrer Johann B. Kichler verfassten und 1926 überarbeiteten Chronik Langenargens geht hervor, dass hier 1828 ein Musikverein gegründet wurde. Zu dieser Zeit war Langenargen noch ein kleines, eher unbedeutendes Dorf mit knapp 1000 Einwohnern, die hauptsächlich vom Fischfang lebten und nebenbei eine kleine Landwirtschaft betrieben. Obwohl Feste, des recht kärglichen Verdienstes wegen, in dieser Zeit wohl eher selten waren, gelten sie als Anlass, der zur Gründung des Musikvereines geführt haben soll.

 

1853 fand die Eröffnung des am Rande Langenargens gelegenen Gasthofes zum Bierkeller statt, bei der die Kapelle den musikalischen Teil übernahm. Offenbar war den Wirtshäusern trotz der Auswanderungswelle nach Amerika, der sich in diesen Jahren auch rund 40 Langenargener angeschlossen hatten, noch genug Kundschaft geblieben.

 

Von einem Highlight unter den Auftritten des Musikvereins im 19. Jahrhundert wissen wir aus dem Seeblatt von 1875. Es berichtet über den Besuch des Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich bei seiner Verwandten Prinzessin Luise von Preußen. Diese verbrachte ab 1873 bis zu ihrem Tode 1901 jeden Sommer auf dem von ihr erworbenen Schloß Montfort. Zur Begrüßung seiner Kaiserlichen Hoheit am Hafen stand eine Reihe weißgekleideter Jungfrauen mit Blumenbouquetten, Beamte in Uniform, „der Kriegerverein und die Musik mit den schönen Standarten“ bereit.

 

1882 umfasste die Kapelle 16 Mitglieder, deren Stammlokal der Gasthof Helvetia war.

 

Außerdem ist in den Protokollbüchern des Soldatenvereins eine Passage über den 10. Bezirks-Kriegertag zu lesen, der 1908 in Langenargen stattfand und an dem 36 Vereine teilnahmen: „Hierauf setzte sich der Festzug in welchen sich auch seine Excellenz einreihte unter Vorantritt der Musikkapelle Langenargen, der Festdamen, des Festausschusses und der schon genannten Vertreter [...] zum Festplatz in Bewegung.“ Außerdem konnte zu diesem Fest noch ein hoher Gast begrüßt werden, denn „um 3⁄4 Vier traf seine Majestät der König im Automobil auf dem Festplatz ein“.

 

Hinweise auf die Existenz zweier voneinander unabhängigen Kapellen, der Ortskapelle (Blaskapelle) und der Jägerkapelle (Streichmusik, benannt nach ihrem Gründer Herrn Jäger), in Langenargen gibt es seit 1911. Die Streichmusik spielte viel bei Veranstaltungen des Frohsinns, während die Ortskapelle eher bei öffentlichen Anlässen aktiv war.

 

Im Jahr 1924 konnte die Ortskapelle einen großen Erfolg feiern. Sie wurde mit der Ausrichtung des ersten Verbandsmusikfestes des Bodenseegaues betraut, das von rund 10.000 Personen besucht wurde – ein großer Besucherstrom für Langenargen mit seinen 2000 Einwohnern.

 

Nach teils schwierigen Verhandlungen schlossen sich 1925 die Ortskapelle und die Jägerkapelle zur heutigen Bürgerkapelle zusammen. Schon länger wurde wohl eine solche Vereinigung „im Interesse der Weiterbildung, der Vereinfachung der Musikstunden, besserer Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt im Interesse des gegenseitigen Einvernehmens und des Ortsfriedens“ von der Bürgerschaft und auch von vielen Musikern gefordert. Für die neu gegründete Bürgerkapelle wurde eine Satzung erlassen, die aus heutiger Sicht teilweise sehr streng erscheint. So erfolgte beispielsweise die Aufnahme von aktiven Mitgliedern nur durch eine 2/3 Mehrheit bei geheimer Abstimmung und nach Prüfung des Bewerbers vom Dirigenten. Außerdem wurden Verspätungen bei den Proben mit 50 Pfg., gänzlich unentschuldigtes Fehlen mit 1 M bestraft. Im Vergleich dazu: Ein Laib Brot kostete zu dieser Zeit 50 Pfg.

 

 

 

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 mussten alle örtlichen Vereine mit nationalsozialistischer Vorstandschaft versehen werden. Im Mai trat Vorstand Baumann nach 15-jähriger Tätigkeit zurück. 1937 wurde schließlich die gesamte Kapelle mit ihren 18 Mitgliedern aufgelöst.

Ein Grund für die Einstellung aller Aktivitäten der Bürgerkapelle dürfte die zunehmende musikalische Konkurrenz gewesen sein. Erstens engagierten sich einige der aktiven Musiker ab 1933 zusätzlich in den neu entstandenen Formationen einer Stahlhelmkapelle und einer SA-Musik, was sich wohl negativ auf ihre Probenbesuche auswirkte und zweitens verkündete Vorstand Dr. Lossen beim Frühjahrskonzert 1934 „die Erhebung der Bürgerkapelle zur Sturmbannkapelle“.

 

1949 bemühten sich frühere passive und aktive Mitglieder der Bürgerkapelle deren Zwangspause zu beenden. Im Juli beschlossen 13 Musiker bei einer Versammlung im Rathaus unter Beisein von Bürgermeister Wocher, mit den noch vorhandenen Instrumenten einen Neubeginn zu wagen.

 

1953 wurde eine Uniform anschafft. Nötig war diese Investition schon deswegen, weil die Bürgerkapelle 1954 ihr 125-jähriges Bestehen zu feiern hatte und aus diesem Anlass ein Kreismusikfest ausrichtete. Mit der Teilnahme von 33 Musikkapellen aus dem In- und Ausland wurde das Fest ein großer Erfolg.

 

Massenchor zum Musikfest 1954
Massenchor zum Musikfest 1954

 

Ein weiteres Ereignis, an das man sich wohl noch lange erinnern wird, war die Seegfrörne 1963. Durch die lange anhaltende Kälte hatte sich eine geschlossene Eisdecke auch auf dem Obersee gebildet. Am 3. März versammelte sich eine große Menschenmenge, darunter auch die Bürgerkapelle auf der Eisfläche vor Langenargen. Sie konzertierte an diesem ungewöhnlichen Ort und begrüßte mit einigen Märschen die Musikkapelle aus Steinach/Schweiz, die zu Fuß über den See kam.

 

Seegfrörne 1963
Seegfrörne 1963

 

1969 erhielt die Bürgerkapelle ein Geschenk, das ihr jede Fasnet aufs Neue einen guten Dienst erweist: Ehrenmitglied Eugen Lachenmaier überreichte den Musikern als Vermächtnis eine notariell beglaubigte Urkunde samt Partitur des von ihm komponierten „Dammglonker-Marsches“.

 

Das Jahr 1974 brachte ein erfreuliches Ereignisse mit sich: von der Gemeinde wurde auf Initiative des Vorstandes Hans Wilhelm eine Musikschule gegründet, um auf breiter Basis Jugendliche für die Kapelle auszubilden.

 

Im September 1986 reiste die Kapelle für 3 Tage nach Flensburg, um das Langenargener Patenschiff Hermes bei seinem 25-jährigen Jubiläum musikalisch zu begleiten.

 

1987 fand das erste Wunschkonzert statt. Das Publikum konnte sich aus einem vorgegebenen Programm einen Titel wünschen und erwarb mit dem Wunsch je nach Titel eine preislich unterschiedliche Eintrittskarte. Durch die Nennung der Personen, welche sich den Titel wünschten, konnten einige Sponsoren der Konzerte gefunden werden.

 

Ab 1997 gab es verschiedene Mottokonzerte mit passenden Showeinlagen. Nach dem ersten Konzert mit dem Titel „Eine musikalische Reise um die Welt“ folgten 1997 „1000 tanzbare Takte“. Dabei gab es Gesangs- und Tanzeinlagen von Stepptanz bis zum Wiener Walzer. Ein besonderer Höhepunkt stellte 2001 das Fernsehkonzert der Bürgerkapelle dar. Der Sender BKL zeigte alles was das Fernsehen bietet: von der Tagesschau über Kinderprogramm bis zum Krimi war alles dabei. Natürlich durfte die Werbung nicht fehlen. Stellvertretend sei Hans-Jörg Ungelert genannt, der seine Saitenwürstchen „live“ aus der Wurstküche auf die Bühne warf oder Franzl Göppinger, der in Gummistiefeln im See stehend seine Grüße in die Festhalle schickte.

 

In unregelmäßigen Abständen hält die Kapelle einen internen Fasnetsball mit buntem Programm ab. Wir lachen heute noch über das Damenballet des Posaunenregisters. Den Vogel schossen aber Christine Müller und Annika ab: Auf der längsten Schnappsflöte der Welt, spielten sie den Dammglocker Narrenmarsch. Im April 2000 waren die beiden sogar Gast bei Radio 7 und erzählten in der Reihe „Vereinsgeschichten“ über ihre kuriose Erfindung.

 

2003 feierte man zusammen mit der freiwilligen Feuerwehr Jubiläum: die Bürgerkaplle 175-jähriges, die Feuerwehr 125-jähriges. Auf der Wiese vor dem Kurhotel wurde ein großes Festzelt aufgestellt. Höhepunkt des Festes war der Umzug unter Teilnahme 58 Gruppierungen aus Musikapellen, Feuerwehrabteilungen mit zahlreichen historischen Feuerwehrfahrzeugen und weiteren Vereinsabteilungen. Für das junge und junggebliebene Publikum rockte SWR3 zur Dance-Night Party. Im Anforderungskatalog stand ein eigener Starkstromanschluss für den DJ – kein Wunder, die Party war bis in die Schweiz zu hören…

 

Anlässlich des Jubiläums bekam die Kapelle ihre erste Vereinsfahne, gespendet von Freund und Gönner Karl Fränkel. Mit Karl Bernhart, bis dahin unser aktivstes passives Mitglied, wurde ein engagierter und zuverlässiger Fähnrich gefunden.

 

Fahnenweihe zum Vereinsjubiläum 2003
Fahnenweihe zum Vereinsjubiläum 2003

 

Beim Uferfest 2007 trat zum ersten Mal die Polkabesetzung der Bürgerkapelle auf und unterhielt die Gäste zum Frühschoppen am Weizenbierstand mit flotten Märschen und geschmeidigen Polkas.

 

2008 wurde die Festhalle grundsaniert und war für Konzerte nicht benutzbar. Dies brachte die Bürgerkapelle auf die Idee, das Starkbierfest im Münzhof wiederzubeleben. Das Fest, bei dem der dunkle Gerstensaft serviert wird, wurde ab 2010 in die neu renovierte Festhalle verlegt und ist seither alle zwei Jahre eine beliebte Veranstaltung, die rasend schnell ausverkauft ist. Dabei kennt die Kreativität der Musikerinnen und Musiker kaum Grenzen. 2012 drehte die Kapelle zusammen mit der befreundeten Feuerwehr den Film „Ein Quantum Prost“ (gedreht bei -18°C). Beim Starkbierfest spielte dann die Kapelle live die Musik zum Film. Für alle Beteiligten war das eine Mords-Gaudi und vom Publikum gab’s Standing Ovations. 2014 nahm die Kapelle das Starkbier-Publikum mit zur Unterhaltungs-Show „Wetten dass…?!?“

 

2012 feierten die „Dorfheiligen“ ihr 25-jähriges Jubiläum. Die Splittergruppe der Kapelle mischte das Dorf in der Fasnet auf, besonders am Bromigen Freitag tröteten die Dorfheiligen bei der Straßenfasnet. Gefeiert wurde der Geburtstag mit einem Festwagen beim Umzug und bei einem eigenen DH-Ball in der Festhalle.

 

Zum wiederholten Male fand in der St. Martins Kirche 2015 ein Kirchenkonzert statt. Dirigent Florian Keller bringt die Kappelle jedes Mal an ihre Grenzen und damit musikalisch einen Schritt weiter. In diesem Jahr stand das bekannte Werk „Bilder einer Ausstellung“ auf dem Programm, das sowohl Musiker und Publikum fordert.

 

 

 

 

 

 

Gruppenbilder

Dirigenten der Bürgerkapelle Langenargen e.V.

1882 - 1885     H. Guter

1885 - 1919     Max Luiz

1919 - 1920     Franz Luiz

1920 - 1925     H. Rist

1925 - 1928     H. Sieler

1928 - 1933     Gebhard Ehrlinspiel

1933 - 1939     H. Beck

1949 - 1951     Hans Lachenmaier

1952 - 1958     Karl Moldt

1958 - 1966     Erich Damberg

1967 - 1972     Werner Lanz

1973 - 1976     Lothar Boenke

1976 - 1979     Willi Looser

1980 - 1983     Walter Prinz

1983 - 1997     Gerd Lanz

1997 – 2000    Michael T. Otto

2001 – 2007    Stefan Heitz

2008 –             Florian Keller

 

Festschrift der Bürgerkapelle zum 175-jährigen Jubiläum 2003 (50MB !!!)

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